27. Juni 2009

Dringlich

Welchen Platz und welche Priorität hat die Frage „Was ist das, was ich wirklich will?“ in seinem Leben?
Wie stark brennt das Feuer?
Man braucht immer wieder eine Erneuerung, die eigene Entscheidung, eine radikalere Annäherung zu leben, um die Prioritäten wieder zu Recht zu rücken. Weil uns die unwesentlichen Wege gelehrt wurden, gehen wir sie auch und verlieren uns in ihnen.
Keine Zeit zu haben für den inneren Weg, für die spirituelle Praxis… ist im Grunde genommen eine ziemlich haarsträubende Aussage von Menschen, die sich im Unwesentlichen verloren haben.
Wie kann man für die alles-umfassende Wahrheit weniger geben als Alles?

Es gibt für jeden Pilger die Auseinandersetzung mit der scheinbaren Unvereinbarkeit der äusseren Gesellschaft und des Funktionierens in ihr, der Aufgaben und Pflichten der äusseren Welt und dem Ruf der Seele.
Man kann diese Auseinandersetzung leben, indem man sich reibt mit seiner Arbeit, mit den Menschen, die einen umgeben und mit dem Geldverdienen, mit der Familie und den Kindern und der Umgebung - und so verliert man in diesem unnötigen Kampf endlos Lebensenergie.
Diese Auseinandersetzung ist eigentlich das Ringen um die absolute Priorität des inneren Weges mit den vermeintlichen Notwendigkeiten und Sachzwängen der äusseren Welt.
Wenn die Priorität effektiv zu Recht gerückt wird, zerfällt diese Reibung mit der Welt. Es waren nur Zwänge in seinem Geist, in seiner kleinen Welt, in seiner Begrenzung der Sicht der Dinge.
Aber es besteht keinerlei Notwendigkeit für keinen Menschen auf der Erde – egal in welcher sozialen Lage er sich befindet, gleichgültig welcher Tätigkeit er nachgeht – die eigentliche wesentliche Angelegenheit des Lebens hinten anzustellen. Weil er keine Zeit hat für Meditation, für Innenkehr, für Selbsterforschung und der Wahrheit zu begegnen – gerade deshalb ist er immer zu beschäftigt und unter Druck. Man kann das innere Vakuum nicht mit Substituten der Aussenwelt aufwiegen und dann noch glauben, in Frieden zu leben.
Die Ausreden, dem effektiv Wichtigen nicht den zentralen Raum in uns zu schenken, sind unendlich – aber sie zeigen ja nur auf, dass in uns die Prioritätenverschiebung geschehen ist: dass wir bereit waren, dem Dringenden, dem, was von aussen gerade auf uns zukommt, den Vorrang zu geben und die Sehnsucht der Seele zu vernachlässigen. Das Funktionieren in der Welt ist nie wesentlicher Lebensinhalt.

Die gefühlte innere Dringlichkeit auch im Leben umzusetzen ist eine Frage der Konsequenz, der Würde zur Seele, der Sehnsucht für das Wesentliche.
Durch Unwissenheit und Vergessenheit, Vernachlässigung – Ausblendung - ist diese natürliche Ordnung der Dinge durcheinander geraten. Es braucht nun ein wenig bewusste Anstrengung, diese Prioritäten wieder zu ordnen, die Umkehrung aller Werte wieder zu leben, die Verdrehung wieder zu korrigieren.
Und dabei bedarf es auch der Achtsamkeit, damit die Disziplin, die Ausdauer und die Treue, die auf diesem Pfad der Prioritätenzurechtrückung notwendig sind, nicht in Rigidität, falsches Pflichtbewusstsein und Monotonie übersetzt werden. Es ist ein lebendiger Weg, auf dem man sich immer wieder überprüft und selbst Dinge, die einmal förderlich waren, können zu Hindernissen werden.

2. März 2009

Augenblick

Mein sind die Tage nicht, die mir die Zeit genommen,
Mein sind die Tage nicht, die etwa mögen kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.
(F. Rückert – „Die Weisheit der Brahmanen“)

Diese Aufmerksamkeit im Augenblick schenkt einen neuen Zugang zur Welt.
Man war es sich gewöhnt, sich an etwas zu erfreuen, anstatt einfach darin zu schwimmen.

Es ist eine erfahrbare Nähe Gottes, in welcher alle Tränen abgewischt werden. Da zerfallen die lang gehegten Hoffnungen auf ein anderes Sein. Die stammen von einer nostalgischen Erinnerung an ein verlorenes Paradies.

Im reinen Nun können die verschiedenen Zeitdimensionen, in denen wir uns in Angst, Berechnung, Sorge und Erwartung bewegen, ihre bannende Kraft verlieren.
Die kleinen Hoffnungen auf einen besseren Zustand trivialisieren das Jetzt.
Das Sorgen, was wir essen, was wir tun sollen, was aus uns werden soll, (Matthäus 6,25 ff) ist Ausdruck der Nichtwahrnehmung von Gottes Umgebenheit.

Meditative Achtsamkeit verwandelt die profane Welt in Besonderheit. Man wird darin dem Zweckdenken enthoben, da es in der Tätigkeit nicht um Erledigung einer Aufgabe geht, sondern nur das Wunder des Lebens dankbar wahrzunehmen – während man all das verrichtet, was es im Aussen zu tun gibt. Man tut normalerweise so viele Dinge, ist aber unfähig, die Intensität des Lebens wahrzunehmen und das macht einen noch unruhiger, da man in allem, was man tut, das Gefühl hat, am Wesentlichen noch vorbei gelebt zu haben.
Diese Wachheit des Momentes lässt einen jeden Augenblick lebendig sein und nicht nur in einigen wenigen. „Das Wunder ist nicht, auf dem Wasser zu wandeln, sondern auf der Erde zu gehen“, lehrt Thich Nhat Hanh.

Diese Gegenwärtigkeit und Präsenz im Moment scheint ein Gegensatz zur Eschatologie zu sein, zur beständigen Frage: „und dann?“, zur Ausrichtung auf die letzten Dinge.
Eingleisigkeit funktioniert nie in einem komplexen Universum. Wenn diese tiefe Ausrichtung auf das Letztendliche, auf Gott die Basis ist, dass ist tatsächlich das ganze Leben ein Sein auf Gott hin und nicht ein „Sein zum Tode hin“ (Heidegger). Ohne den Bezug zur letztendlichen Wirklichkeit jenseits unserer momentanen Umgebung, bleibt das Gefühl, seine Zeit zu verschwenden, die Unruhe.

Wenn das Jetzt die Basis ist, merkt man, dass man augenblicklich enthoben von allen Bedürftigkeiten sein kann.
Die Eschatologie im Krieg sucht nur die Sicherheit. Das heisst, die Ausrichtung auf das Letztendliche im Zustand des Leidens, im Zustand der Unversöhntheit benützt und instrumentalisiert diese nur, um sich seiner Beschwerlichkeiten zu entledigen. Das wesentliche Fragen nach eschatologischen Werten bezieht sich nie auf das Praktische, nie aus einer Enthebung der Leidenssituation. Die Wahrheit steht nicht in Dienste der Bedürftigkeit.
Die Gegenwärtigkeit und Präsenz im Moment ohne Eschatologie ist flach und blind. (Himbeere essen und zufrieden sein).
Aber Eschatologie ohne Verankerung im Augenblick ist Flucht, Projektion infantiler Bedürftigkeit, die in einer kindlichen Jenseitsvorstellung endet.

Die Verwandlung von Ronald Nixon

Transformation von Ronald Nixon

- die erstaunliche Geschichte eines Engländers, der 1928 in Vrindavan in die Krishna-Bhakti eingeweiht wird.

von Krishna candra (www.ananda-dham.com)


Geboren wurde er 1898 in einer christlichen Familie in England. Er studierte englische Literatur und danach wollte er sich ernsthaft dem Studium des Buddhismus widmen, was ihm aber aufgrund des Ausbruches des ersten Weltkrieges verunmöglicht wurde. Er wurde einberufen und als die deutsche Armee 1918 Belgien besetzt hatte, flog er mit der Royal Air Force einen Angriff.
Alle Flugzeuge der Engländer wurden dabei abgeschossen und er sah seine Piloten-Kumpanen alle in den Tod stürzen. Auch Nixons Flugzeug wäre abgestürzt, hätte nicht eine übernatürliche Kraft eingegriffen und den Steuerknüppel umgerissen. Als sein Flugzeug nun abwärts glitt, verlor er das Bewusstsein und erwachte erst wieder in einem Militärspital in London.

In seinem Genesungsprozess fragte er, wer ihn aus Belgien dahin gebracht hatte, und wie es möglich sei, dass er den Absturz überlebt hätte, was ihm aber niemand beantworten konnte. Im Spital hörte er mehrmals im Halbtraum eine klare Stimme, die ihm zusprach: “Ich habe dich gerettet, und du wirst mich in Indien finden!”

Kaum war er wieder auf den Füssen, suchte er nach einer Gelegenheit, nach Indien zu gehen. Zu der Zeit war gerade der Rektor der Universität Lucknow, Jnanendra Nath Cakravarti, in London, der einen Englisch-Lehrer suchte. Tief beeindruckt von Nixons intellektueller Brillanz, aber auch aufgrund seines Interesses in orientalischer Philosophie, offerierte er ihm den Posten.

So lebte er in Lucknow im Hause des Professors und seiner Frau Monika Devi, einer hoch gebildete, aber tief religiöse Frau. Dr. Cakravarti war einer der führenden Theosophen seiner Zeit, ein Freund von Blavatsky und Besant.
Neben seiner Anstellung als Lehrer setzte Nixon seine Suche nach dieser Stimme fort. Er studierte Pali und las die buddhistischen Original-Texte und praktizierte buddhistische Meditation. Er spürte aber bald, dass die Stimme nicht von hier kam. So lernte er Sanskrit und studierte die Upanishaden, die Bhagavad Gita und das Srimad Bhagavatam, was ihn tief bewegte.
Die Schlüsselfigur aber war Monika Devi. Äusserlich betrachtet war sie eine moderne Frau, die mit ihrem Mann nach Europa und Amerika reist, in gesellschaftlichen Anlässen immer alle unterhält, Witze macht und Geschichten erzählt. Aber in ihr war auch eine mystische Seite, die aber meistens verborgen blieb. Nur wenn Bhajans gesungen wurden über Krishna, dann sass sie nur noch ganz still und bewegungslos da und Tränen kollerten konstant über ihre Wangen. In solchen Momenten konnte man erahnen, dass sie in einer gänzlich anderen Welt zu Hause war.
Das war aber genau die Seite in ihr, die Nixon nicht entging. Manchmal sah er sie mitten in den Partys verschwinden und erst nach Stunden mit verweinten Augen wieder zurückkommen. Als er ihr einmal heimlich folgte, sah er sie bewusstlos vor einem kleinen Bild liegen. Er wartete und nach Stunden erwachte sie wieder und leuchtete über das ganze Gesicht. Sie strahlte einen unbegreiflichen Frieden aus.

Nixon spürte, dass er nun dieser mystischen Stimme, die im Londoner Spital vor Jahren zu ihm sprach, ganz nahe war. Nun wollte er alles wissen.
Am nächsten Tag rief sie Nixon in ihr Zimmer und sagte ihm: „In jedem Körper ist die unvergängliche Seele das Zentrum. Wenn man zur Seele hin erwacht, ist man eine gänzlich andere Persönlichkeit. Da erkennt man die Höchste Seele, Bhagavan und umarmt seine Füsse. Immer wieder ruft er mich und ich kann nicht widerstehen. Er ist in mein Leben gekommen.
Ich war anfänglich auch interessiert an der Theosophie, aber die Philosophie der Gita empfand ich als umfassender. So ging ich einmal nach Vrindavan und nahm spirituelle Einweihung von Balakrishna Goswami vom Radha-Raman Tempel. Seit da bin ich absorbiert im Krishna-Prema-sadhana. Eigentlich möchte ich meine Ausrichtung geheim halten, aber Krishna ist so frech, dass er mich manchmal einfach zu sich in seine unbeschreiblich wunderbare Gemeinschaft hinzieht.“

Nixon begann da mit Bhakti-sadhana unter der Führung von Monika Devi. Sie nahm ihn nach Vrindavan zum Radha-Raman Tempel mit. Anfänglich wollten ihn die Priester nicht hineinlassen, da Engländer auch Tempel zerstörten. Als er vor Radha-Raman stand, war es ihm ganz klar, dass er angekommen war zu Hause. Er hatte ihn vor Jahren schon gerufen. Er war diese Stimme, die ihn in England gerettet hatte. Die Reise über unendlich viele Leben in der Einöde kam zu einem Ende.
Jnanendra Cakravati erhielt den Posten des Rektors der Hindu Universität in Benares. Die Studenten aus Lucknow baten Nixon, zu bleiben, da sie ihn liebten und begeistert waren von seiner Gelehrsamkeit, seiner Klarheit in philosophischen Gedanken und vor allem von seiner völligen Absenz von Selbstsucht.
Aber er wollte nur weiter von Monika Devi lernen und so nahm er eine einfache Lehrer-Anstellung an und hatte viel Zeit, in der heiligen Atmosphäre von Benares. Hier begann er emsig und beharrlich mit seiner Yoga-Praxis. „Mit seiner angeborenen britischen Verbissenheit und Zähheit“, schrieb Sri Aurobindo einmal über ihn.
Als er dort einmal eine Vorlesung über die Aura Shivas gab, fragte ihn ein ultra-modern eingestellter Inder, was er als Westler denn in dieser schmutzigen Stadt von Staub und Lärm zu verehren gefunden habe? Mit einem strahlenden Lächeln antwortete er: „Gold-Staub, mein Freund, und die Musik der Ganga.“

1928 wollte Nixon Sannyasa (den lebenslangen Mönchstand) von ihr bekommen. Monika ging nach Vrindavan und erhielt selber die Sannyasa-Einweihung und hiess fortan „Yasoda Ma“. Nixon taufte sie „Krishna Prem“.



Es war unglaublich. Eine Frau, die im Luxus geboren war und der alles, was sie wollte, zur Verfügung stand, wurde nun eine Nonne und schnitt ihr Haar ab. Krishna Prem war vielleicht der erste Europäer, der Vaishnava-Einweihung erhielt. Er tauschte seine europäische Kleidung in die Saffran-Roben eines hinduistischen Mönches, hat Tulasi um den Hals getragen und einen Tilak auf seiner Stirn.
Krishna Prem trug auf seinen Reisen immer einen kleinen Deity von Krishna mit sich. In Madras traf er bei einer Konferenz auf eine englische Frau, die richtig erschüttert war, einen gebildeten Engländer zu sehen, der sich offensichtlich als Hindu verstand – Tulasi-Ketten um seinen Hals und in saffrane Tücher gekleidet - für sie war das ein Anachronismus im 20. Jahrhundert. Sie konnte sich nicht zurückhalten und schalt ihn: „Schämst du dich nicht, du Abtrünniger, mit diesen Eingeborenen zu verkehren und mit den Merkmalen des Aberglaubens zu parodieren, deine Heimat zu verraten und das Christentum zu verstossen?“ Sie tobte weiter, während Krishna Prem sie ganz still anlächelte, was noch mehr zu ihrem Zorn beitrug. „Was hast du denn gewonnen, nachdem du dein Vaterland, deine Kultur, deine Religion zurückgelassen hast?“ Er schaute auf seinen kleinen Deity und antwortete strahlend: „Ich haben Ihn bekommen, Madame, meinen Krishna.“


Yasoda Ma, ihre Tochter Moti Rani und Krishna Prem etablierten 1931 einen Ashram am Fusse der Himalayas, 27 Km Fussweg von Almora entfernt. Sie nannten ihn „Uttar-Vrindavan“ (das höher gelegene Vrindavan). Ein kleiner staubiger Pfad führte dahin, und die letzten 3 Km waren selbst für die Pferde zu steil. Der Ashram war ein Blumenparadies.





Gertrude Emerson, die Tochter von Ralph Waldo Emerson, lebte in der Nähe von Almora und besuchte Krishna Prem manchmal im Ashram.
„Alle paar Jahre kam er zu uns. Im Ashram gab es kein Radio und keine Zeitungen. Bei uns nahm er die Zeitung in die Hand, überflog sie kurz und bemerkte: „Wie ich sehen kann, sind es immer noch die gleichen Neuigkeiten wie vor ein paar Jahren. Dort ein Krieg, höhere Steuern, so viele Tote in einer Katastrophe, Unfälle… Aber ist irgendwo wirklich etwas geschehen?“
Wir hörten am Radio (das war während des zweiten Weltkrieges) die News aus Dehli gesendet. Er setzte sich im Yogasitz hin und lernte Sanskrit-Verse. „Hörst du das Radio überhaupt“, fragte ich ihn. „Ja, ein Sprechen von einem anderen Planeten, eine Art unverständliches Hintergrund-Geräusch.“

Später wurde die Ashram Familie noch durch zwei Engländer erweitert. Madhava Ashisha, der aus England gekommen ist, um im zweiten Weltkrieg als Ingenieur in Indien zu arbeiten. Als der Krieg vorbei war, gönnte er sich einen kurzen Ferienaufenthalt in den Himalayas. Er hörte von dem Ashram, besuchte Krishna Prem und blieb dann gleich im Ashram. Er ging nie wieder zurück nach England. Der andere war Dr. Alexander, der sich vom Posten des Chefarztes in Lucknow zurückgezogen hatte. Er nahm Ma als seinen Guru an und blieb dann auch in Uttar Vrindavan.

Yasoda Ma sagte Ronald Nixon bei der Einweihung:
„Selbst wenn du keine einzige Erfahrung mehr machst in gesamtem Leben, dann darfst du den Pfad nicht aufgeben!“ Die Hingabe funktioniert nie in der Halbherzigkeit.
Dann sagte sie ihm: „Krishnabewusstsein ist etwas Unmittelbares. Wenn du in den ersten 6 Monaten keinen Vorgeschmack auf Ewigkeit erlebst, hast du Zeit verschwendet.“
Einerseits braucht es die Entschlossenheit, immer weiterzugehen, auch wenn nichts mehr gefühlt und erlebt wird und andererseits bedarf es des Sprungs in die Gegenwart Gottes, die keine Konditionen stellt. „Bist du bereit alles zu geben, ohne etwas dafür zu bekommen?“, fragte Krishna Prema seine Gäste sehr oft.
Erfahrungen sind Vorboten der Wirklichkeit, und dennoch sind sie auch substanzlos, kommen und gehen wie der Wind. Viele hatten Öffnungs-Erfahrungen, aber nicht die Treue, weiterzugehen.

Man nimmt die wandelnde Welt (auch seine Erfahrungen) wahr, ohne sich in ihr (ihnen) zu verlieren.

Erleuchtung geschieht einen nicht einfach, sondern sehr unmerklich. Pade pade uparamed, buddhi drithya grihitaya (Bg 6.25) Genau wie das Einschlafen.
Und dennoch bedarf es der Dringlichkeit, genau zu wissen, wo es den Sprung zu nehmen gilt. Um den Abgrund zu überqueren reichen nicht ein paar kleine Hüpfer.
Der Epilog in seinem Buch „Initiation into Yoga“ lautet:

„Das feinste Holz stammt von den langsam wachsendsten Bäumen. Derjenige, der erwartet, dass er nach einigen Monaten zu einem Yogi gediehen ist, oder selbst nach ein paar Jahren der Praxis, wird sicherlich enttäuscht werden. Derjenige aber, der die Aufrichtigkeit und den Mut aufbringt, allem zu begegnen, was in den Katakomben seines Geistes verborgen war, und der die Berharrlichkeit hat, weiterzugehen, selbst wenn Schwierigkeiten im Innern und im Aussen auftreten, der demütig ist, anzuerkennen, dass alles, was er schon gemacht hat, eigentlich nur die ersten paar Schritte auf einer enorm riesigen Reise sind, demjenigen ist es sicher, etwas zu erlangen, das er nicht einmal dann hergeben würde, wenn er die gesamte Welt dafür bekäme. Sri Krishna spricht in der Gita davon, dass ein Sucher nach Yoga weit über die Hoffnungen und Ängste der gewöhnlichen Religion hinausgeht und selbst der kleinste Fortschritt in dieser Lebensaufgabe (dharma) befreit einem vor der grössten Angst (BG 6.44 und 2.40)




Eines Nachts, als Krishna Prema alleine im Ashram war, hörte er eine Stimme, die ihn gerufen hatte. „Dada, Dada!“ (Bruder).
Er wunderte sich, konnte aber niemanden sehen und schlief weiter. Dann hörte er wieder einen lieblichen Ruf aus dem Tempel heraus. „Dada, ich habe kalt.“

Ein Zittern durchlief seinen Körper. Er lief in den Tempel hinein und sah, dass ein Fenster offen war. Er deckte Gopal mit einem Chaddar zu und fragte ihn: „Thakurji, du frierst auch?“
Ein Strom von Tränen floss Gopal die Wangen hinunter.

Krishna Prem war erschüttert, konnte sich aber mit grosser Anstrengung zusammen nehmen und wischte Gopal die Tränen mit seinem eigenen Nachtkleid ab.

Warum weinte Krishna? Krishna Prema hat ihn doch nur gefragt, ob er friere.

Im Caitanya Caritamrta sagt Krishna selber:
sakale jagate mora…. (CC 1.3.15-16)
„Auf der ganzen Welt werde ich geehrt durch Ehrfurcht und aufgrund der Angst vor Konsequenzen, wenn man es nicht tut. Hingabe, die durch solche Verehrung geschwächt ist, wirkt auf mich nicht wirklich anziehend.“

Krishna ist nicht nur allmächtig, allgegenwärtig, allwissend und immer in seinem Selbst zufrieden (atmarama). Seine Allumfassendheit beinhaltet auch die Antithese davon: pararama, Gott, der ganz und gar auf seine Geweihten angewiesen ist und ohne sie keine Freude empfinden kann. Die ganze Welt schaut immer nur auf die eine Seite des majestätischen Aspektes, aber Vrindavan schenkt den Seelen einen Einblick in die Vertraulichkeit des pararama.
Hier ist Gott nicht unabhängig – der Bhakta badet ihn, er gibt ihm zu Essen, singt und tanzt für ihn in Liebe, und er nimmt ihren Dienst mit Liebe an und geniesst es. Er geniesst es, weil er sich wirklich danach sehnt, weil er im Austausch der Liebe seine Vollständigkeit, seine Allmacht, seine Unendlichkeit im Taumel der Liebe überschreitet.
Sehnen impliziert Unvollständigkeit. Der unendliche Herr, der alles schöpft, erhält und wieder auflöst, hat nie Mangel. Liebende Vergessenheit bedeckt seine Unbegrenztheit, dass er nun wirklich hungrig ist und sich wirklich nach dem Austausch mit der Seele sehnt. Und er hat kalt.
Das ist Teil seiner unglaublichen Grösse – der Herr, der immer jenseits aller Welten und der darin verknüpften Empfindungen ist, fühlt ähnlich, wie eine gewöhnlich innerweltliche Wahrnehmung. Aber gleichzeitig bleibt er in seiner Unberührtheit. Dieses Phänomen der Liebe gilt in den Veden als die letztliche Vollkommenheit des Absoluten.
„Das Leben ist wie ein wilder Fluss, der alle Wesen, Männer, Frauen, Kinder, Tiere und die gesamte Natur mitreisst hin zum Meer des Todes. Dinge scheinen beständig, weil sie gerade mit uns fliessen – aber alles eilt zur Auflösung hin. Alle Arrangierungen helfen uns nicht, da sie im gleichen Fluss stecken.
Aufgehobenheit gibt es nur, wenn man zum Ufer hingelangt. Das Ufer des Flusses, welches immer ganz nahe ist, ist Gott – mit was für Namen du ihn auch immer ansprichst.“
(Yoga of the Bhagavad Gita)

Als er gefragt wurde, was sein Verständnis von Gnade sei, erwidert er: „Wenn jemand in dieser Welt von Staub und Lärm sich selber vollständig als „atma-huti“ (Opfergabe) schenkt, sich selber verzehrt in der Flamme göttlicher Liebe, dann gibt es eine ungeheure Explosion – das ist die Gnade.




Krishna Prems Beziehung zu Radha-Krishna wurde immer intimer im Verlaufe der Jahre. Sunila und seine Frau Arati waren Schüler von ihm. Sie lebten in Allahabad und kamen gelegentlich auf Besuch in Almora.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatten sie kein Geld für die lange Zugsreise und Arati verkaufte ihre goldenen Armreifen, um ihren geistigen Meister wieder sehen zu können.
Nach einigen Tagen im Ashram kam Krishna Prem mit einem goldenen Armreif aus dem Tempel und fragte Arati, was sie denn mit den ihren gemacht habe. Sie wollte das nicht preisgeben und schaute scheu auf den Boden.
Krishna Prema lächelte und sagte ihr, dass er alles wisse und dass Radharani ihm von ihrer Begierde, hier in den Ashram zu kommen, erzählt hätte. Sie hätte ihm nun den Armreif von ihr für sie gegeben. Sie fiel ohnmächtig zu Boden und als sie wieder erwachte, wusch sie mit ihren eigenen Tränen die Füsse ihres geistigen Meisters.
Obwohl Krishna Prem viele westliche Schüler hatte, akzeptierten ihn selbst viele Inder als ihren Lehrer. Er wurde als lebender Vaishnava-Heiliger geachtet. Obwohl er keine Mission der Verbreitung organisierte und über 30 Jahre in der Einsamkeit des Ashrams in den Bergen lebte, so schrieb er doch drei literarische Werke („search for truth“, „Yoga of Bhagavad gita“ und „Yoga of Kathopanishad“) und unzählige Briefe an Freunde in Indien und ausserhalb. In diesen Briefen gewährte er tiefen Einblick in seine persönliche hingebungsvolle Praxis und seine Verwirklichungen.
In seinem Einführungsbuch „Initiation into Yoga“ schreibt er:
„Eines der grössten Hindernisse um der Wahrheit zu begegnen ist der allgemeine Glaube unter religiösen Menschen, dass die Wahrheit niedergeschrieben sei in einem Buch, welches für sie dann das „heilige Buch“ konstituiert.“
Er gesteht natürlich zu, dass heilige Texte eine grosse Hilfe für den Suchenden darstellen können, „aber die Haltung blinden Annehmens dessen, was in einem Buch steht, ist sicherlich hinderlich und hält einen ab, das Wahre zu erlangen. Das Buch besteht aus ein paar schwarzen Zeichen auf einem weissen Blatt und was diese Zeichen einem bedeuten, hängt von den Ideen in unserem Geist ab, und diese wiederum von den Erfahrungen, die man in dieser Welt durchmachte. Die heiligen Schriften sind Srutis – wenn der Inhalt von einer verwirktlichten Seele gehört wird, haben sie plötzlich faszinierende Substanz. Das Lesen ist dann die Wiedererinnerung an den Eindruck, den man in der Gegenwart des Heiligen bekommen durfte. Aber ohne diese lebendige Berührung mit dem Inhalt sind die Bücher ziemlich wertlos.“
„Die eigene Sehnsucht nach Wahrheit hallt als Echo wider im Studium heiliger Texte.
Wenn das innerste Gewissen dann die heiligen Texte bestätigt, und man erkennt, dass dies nur die schriftliche Niederlegung einer effektiv nachlebbaren Erfahrung ist, dann spielt es keine Rolle, aus welcher Tradition die zu uns kommt. Dann legt man die historische Datierung des Textes und die Übereinstimmung mit bisherigen eigenen Glaubensanschauungen weg und widmet sich mit ganzem Herzen. Dann wird der Weg zur darin angelegten Erfahrung offen sein.
Die Seele muss zuerst einmal eine Wegstrecke gehen und die Gegenwart dieser inneren Führung wahrnehmen, bevor die Präsenz des äusseren Guru notwendig wird oder überhaupt erst hilfreich.”

Der Pfad, für welchen Krishna Prem seine Leser begeistern möchte, „ist ein Weg, der zu allen Zeiten existiert hat, in allen Ländern, obwohl die Namen, die ihn bezeichnet haben, ganz unterschiedlich waren.
Diejenigen, die diesen Pfad beschreiten, formen eine Geschwisterschaft, die viel tiefer geht als alle familiären Beziehungen. Selbst wenn man sich nie zuvor begegnet ist, spürt man die Verbundenheit… ein wahrer Gegenpol zu einer Welt der Gier und Konkurrenz.“

„Dieser Pfad hat eine gestörte Beziehung mit organisierten und offiziellen Religionen. Obwohl der Weg die gemeinsame versteckte Basis aller Religionen ist, so hat er dennoch sehr wenig mit einer Religion gemein. Die Lehrer dieses Pfades haben fast universale Feindseligkeiten von der Seite der organisierten Religionen erfahren.“

Auf diesem Weg gibt es gemäss Krishna Prema keine Abkürzungen oder psychische Tricks, durch die man Hass in Liebe transformieren könnte, Gier in Gelassenheit und Dumpfheit in Weisheit.
„Diese Umwandlungen sind keine einfache Aufgabe und es gibt keinen mechanischen Weg, sie zu bewerkstelligen. Es braucht mehrere Leben der Vorbereitung und niemand kann diesen Weg begehen wenn er sich nicht mit grösster Sorgfalt widmet – unvergleichbar mehr Aufmerksamkeit als wir je in irgendetwas dieser Welt investiert hatten.“
„Ständige Konsistenz und Übereinstimmung in allen Anschauungsfragen ist nur für Kleingeister wichtig. Der echte Sucher stürzt sich vertrauend in die Seinsverunsicherung. Er verlässt die Burg der vermeintlichen Geborgenheit. Unser Urgrund, Sri Krishna, bereitet in allem Geborgenheit. Aber er ist nicht berührbar nur in der Sehnsucht nach Geborgenheit, sondern allein im brennenden Wunsch nach Ihm selbst.
(All diese Zitate stammen aus seinem Werk “Initiation into yoga”)

Auch sein grösseres Werk „Yoga of the Bhagavad gita“ beginnt Krishna Prem mit einer Infragestellung von Schriften. Er weist sowohl die sektiererische Aneignung und Besitzergreifung der Gita von der fundamentalistisch geprägten Tradition zurück, als auch der rein intellektuelle Weg der Vernunft.
„In der Geschichte hat jeder Lehrer, der sich auf vedantische Autorität berufen hat, einen Kommentar zu Gita geschrieben, um aufzuzeigen, dass sie ihre Anschauung unterstützt. In der Folge findet man Kommentare aus verschiedensten Blickwinkeln aus geschrieben: monistisch, dualistisch, pantheistisch, theistisch, solche, die das Yoga der Handlung betonten, andere, die Erkenntnis unterstrichen (Jnana oder Gnosis) und liebende Hingabe an das DU Gottes. All diese Lebensperspektiven finden ihren Grundsatz in der Gita und diese universale Berufung auf sie ist Hinweis auf ihre Allumfassendheit und ihr autoritativer Status.“
„Der Pfad der Bhagavad gita ist nicht das Privileg der Hindus noch irgendeiner Konfession. Es kann – mehr oder weniger tief vergraben – in allen Religionen erfasst werden oder existiert jenseits aller formellen Religionen. Das ist der Grund, weswegen die Gita, obwohl indischen Ursprunges, geeignet ist, den Suchern auf der ganzen Welt Wegmarkierung, Anhaltspunkt und Anleitung zu sein.
In seinem Buch “Yoga of the Bhagavad Gita” zitiert Krishna Prem ausführlich aus den Upanishaden, Plato und Plotinus, theosophische Werke, aus den Lehren Buddhas aus der Perspektive des Theravada und Mahayana, sowohl aus christlichen Texten, britischen Romantikern, Jungs Studien und bezieht auch moderne Psychologie mit ein.
Yasoda Ma und Krishna Prem waren immer eng miteinander verbunden.
Viele Leute kamen mit Fragen in den Ashram. Yashoda Ma sass da und sagte, sie sollen Gopal (ihr Kosename für Krishna Prem) fragen, der ihnen perfekt antworten könne. Er sagte: „Ein Wort von ihr bewegt viel mehr als 10 Vorträge von mir.“ Die Hingabe zum Guru, aus der alle Erkenntnis strömt, war ihm immer der zentrale Fokus.
Yasoda Ma hatte auch tiefe Liebe für ihren Gopal.





Dilip Kumar Roy, einer der berühmtesten Sänger Indiens, wohnte den Vorlesungen von Krishna Prem oft bei. Er stellte danach die Frage an Ma: „Wenn doch die Seele wirklich ist, wieso arbeite ich dann noch immer unter der Illusion, dass die Hülle die wesentlichste Realität ist und schätze sie mehr als alles andere in der Welt?“
„Wir schätzen den Körper, da er vom Herrn belebt und bewohnt wird,“ sagte Ma lächelnd, „Er macht ihn so liebenswürdig. Aber das bemerken wir noch nicht, solange wir Ihn nicht gefunden haben. Dann sieht man ganz klar, dass nichts in der Welt einfach nur für sich existiert – gesondert von Ihm. Und wenn du Ihn erkennst als das Liebste von allem Lieben, muss man dir dann sagen, du solltest Ihn wertschätzen, über Ihn meditieren oder Seine Namen singen? Dann wirst du nicht fähig sein, etwas anderes zu singen als Seine Namen. Betrachte doch Gopal (Krishna Prem). Könnte ihn irgendetwas abbringen von Seinen Füssen? Sie können es versuchen. Offeriere ihm ein Königreich oder himmlische Mädchen – ich kann dir sagen, dass er nicht einmal danach schauen wird. Weshalb? Weil er einen Einblick hatte in Seine Schönheit. Alles Schöne aller Welten zusammengenommen wirkt daneben nur blass und leer – sinnloses Tand. Dilip, ich versichere dir, dass das nicht Theorie ist, sondern ich spreche von direkter Erfahrung“

Im Herbst 1938 kam Krishna Prem mit Yashoda Ma nach Prayag, um sie von kompetenten Ärzten behandeln zu lassen. Viele Jahre lang litt sie unter verschiedensten Gebrechen und sie konnte sich gar nicht mehr alleine aus dem Bett erheben. Aber auch in diesem Leiden des Alters strahlte sie aus ihrem ausgemergelten Gesicht und eine gelassene Heiterkeit entströmte ihrem Wesen.
Wann immer sie jemand auf ihren gesundheitlichen Zustand ansprach, sagte sie, dass er sich keine Sorgen darüber zu machen brauche, da der Herr sie mit einem unbeschreiblichen Frieden gesegnet habe, der ihr konstanter Begleiter wurde und welcher allen physischen Schmerz mehr als aufwog.
„Dieser Körper ist wirklich wie ein Käfig. Derjenige, der da drin residiert, ist die effektive Person und man sollte sich nur nach ihm erkundigen und ihn erfragen. Ich habe direkt gesehen, dass dieser Seele, der Vogel der Glückseligkeit, gänzlich unabhängig von diesem Körper existiert. So was macht es denn nun aus, wenn der Käfig zerbricht?“
Als sie 1944 ihren Körper verliess, war das eine dunkle Wolke der Traurigkeit, die sich über den Ashram ausbreitete. Als Krishna Prem ihren Körper bei den Wasserfällen von Dandeshvara kremiert hatte, kam er erschöpft, müde und traurig spät zurück. Als er in den frühen Morgenstunden immer noch geschlafen hatte, tauchte sie in seinem Traum auf und sagte: „Wieso schläfst du noch immer? Es ist Zeit für Bhajan!“ Nach einiger Zeit fügte sie hinzu: „Du kannst versichert sein, dass ich immer bei dir bin – genau wie zuvor.“ „Wenn du nun so nahe bist, werde ich dich aber nie wieder sehen?“, fragte er mit Tränen in den Augen. „Wir werden uns im cinmaya (transzendentalen) Vrindavan wieder begegnen“, war ihre Antwort. Ihre Präsenz spürte er ständig bis er 1965 seinen Körper aufgab.

Seit Anfang der 30 Jahre gingen Krishna Prema und Ma jeden Winter nach Vrindavan und es entstand eine warme Beziehung mit Balkrishna Goswami vom Radharaman Temple.
Diese Freundschaft hat Krishna Prema vertraut gemacht mit dem Verständnis von Caitanya Mahaprabhu. Lange Zeit hatte er gezweifelt an der Identität von Gauranga als Sri Krishna, bis Krishna ihm in einem Traum offenbarte, dass Sri Caitanya Mahaprabhu niemand anders sei als er selber.
Krishna Prema wurde danach in Vrindavan oft mit dem Übernamen „gaura-prema-nidhi“ (einen „Ozean der Liebe für Gauranga“) angesprochen.

Nach dem Verscheiden von Yasoda Ma begann er 1948 eine längere Pilgerreise nach Südindien. In Tiruvanamalai begegnete er Ramana Maharsi.
Jeden Tag sass der Heilige auf seinem Bett und viele Meditierende setzten sich um ihn. Als sich Krishna Prema in diese überwältigende Stille setzte, hörte er dann gerade eine Stimme, die ihn immer und immer wieder fragte: „Wer bist du? Wer bist du?“
Er versuchte, diese Stimme zu ignorieren, aber sie kam immer und immer wieder wie ein unerwünschter Besucher und klopfte an seiner Türe. So formulierte er eine Antwort: „Ich bin Krishnas ewiger Diener!“ Sogleich verwandelte sich diese Stimme in: „Wer ist denn Krishna?“ Er antwortete: „Nandas Sohn.“ Aber die innere Fragerei ging wild weiter und hörte einfach nicht auf, unabhängig wie oft Krishna Prem Antworten lieferte „er ist der Herr aller Herzen, er ist der Ursprung aller Avatars…“. Tief aufgewühlt verliess er nach einiger Zeit diese „stille“ Meditation und kehrte dann erneut in die Halle zurück. Die Fragerei setzte gerade wieder ein. So rief er Radharani an. Sie offenbarte sich ihm: „Nichts existiert ausserhalb von Krishna, nichts ist neben ihm. Wie kann man ihn vollständig beschreiben? Krishna ist Krishna!“
Als er sich am nächsten Tag wieder zu den Meditierenden hinsetze, lächelte ihm Ramana zu. Er verstand, dass er es war, der all diese Fragen aufwarf. Als Krishna Prem nun die Augen schloss, umarmte ihn ein unendlicher Friede. In der Stille wandte er eine Frage an Ramana: „Kann ich demütig fragen, wer denn du bist?“ Unfreiwillig musste er kurz seine Augen öffnen und sah, dass Ramana gar nicht mehr auf seinem Bett sass. Der Sitz war leer. Er schloss die Augen wieder und öffnete sie im nächsten Augenblick wieder. Ramana sass wieder da genau wie vorher. Er merkte, dass dieses Wesen nicht wirklich in der Welt der Namen und Formen lebte.
Diese stille Konversation zwischen diesen beiden grossen Seelen zeigt verschiedene Ansätze der Transzendenzerkenntnis auf. Der Jnani forscht immer weiter und erkennt, dass jede Einsicht immer wieder vorläufig ist. Dabei muss er die Bereitschaft haben, nicht am bisher Erkannten zu kleben und immer wieder neu alles aufzugeben. Der Bhakta ergibt sein Leben und seine Seele diesem unbekannten und doch nächsten Gegenüber und wird von da her so liebevoll geführt, dass er dieser Liebe nur mit noch intensivierter Liebe antworten möchte. Alles erfährt er als Geschenk, als Offenbarung von der konzentrierten Form aller Schönheit und Liebe.
Ramana Maharsi sprach dann im engen Kreis seiner Schüler mehrmals über Krishna Prem und sagte, dass er eine seltene Verbindung von einem Jnani und einem Bhakta sei.




Auf dieser Reise trag Ronald Nixon auch Sri Aurobindo und die Mutter.

Von Tiruvanamalai ging er weiter nach Sri Rangam, wo er im Tempel eine erstaunliche Erfahrung machen durfte. Als er sich vor Sri Vishnu verneigte, verlor er das äussere Bewusstsein und sah plötzlich lächelnd Radha und Krishna vor sich stehen und hörte die magische Flöte Govindas.

Krishna Prema hat einmal geschrieben: „Wenn du das Ewige erlangen möchtest, musst du dein Boot von deinem bekannten und gesicherten Küstenwasser wegsteuern und zum anderen Ufer hingelangen. Auf seinem Sterbebett sagte er die letzten Worte: „Mein Schiff segelt nun davon“. Am 14. November 1965.







Am 26. November schreibt der Präsident von Indien, Dr. Radhakrishnan: „Ich bin zutiefst traurig zu hören, dass Sri Krishna Prem weitergezogen ist. Ich habe so viel über ihn gehört, hatte aber nie das Glück, ihm persönlich zu begegnen. Ich weiss, dass er nicht gewöhnlich war. Wir haben eine grosse Seele verloren auf dieser Erde.“

Kurz vor seinem Tod schreibt er Dilip Kumar Roy: „Man übergibt das Sterbliche als ahuti (als Gabe) der Flamme des Unsterblichen. Selbstdarbringung muss total und bedingungslos sein. Dafür setzt man alles, was nicht wesentlich ist auf das, was immer voller Substanz ist. Das ist die vollständige Ersetzung der Selbstsucht durch Krishnas lieblichen Willen.“









Quellen:

- Sri Madhava Ashish, "Sri Krishna Prem through the eyes of a disciple"
Krishna Prema, „Initiation into Yoga: An Introduction to the Spiritual Life » (London: Rider and Company, 1976), According to the foreword by Sri Madhava Ashish, this essay was originally written around the start of World War II. The first part of the essay had been published as "The Search for Truth" in a volume of that title, published in Calcutta in 1938. [Sri Krishna Prem, The Search for Truth (Calcutta: Ganesh Chandra Bose, 1938).]
- „Yoga of the Bhagavad gita“
- Dilip Kumar Roy, Yogi Sri Krishna Prem (Bombay: Bharatiya Vidya Bhavan, 1968)
- Andrew Rawlinson, ”Sri Krishna Prem/Ronald Nixon," The Book of Enlightened Masters: Western Teachers in Eastern Traditions (Chicago: Open Court, 1997)
- Narendra Nath Kaul, "Preface" and "A Biographical Note," Writings of Sri Krishna Prem; An Introduction (Bombay: Bharatiya Vidya Bhavan, 1980)
- O.B.L. Kapoor, "Sri Krishna Prem and Yashoda Ma," Braj ke Bhakt (Aravali press, 1992)

18. Februar 2009

Treue zum Innersten

Wenn ein Mensch Wahrheit berührt, die völlig jenseits seines bekannten Lebens ist, wird man natürlicherweise entflammt. Ein Feuer wird entfacht.

Begeisterung und Euphorie sind aber nur Begriffe der Peripherie eines inneren Weges. Wer sich in der äusseren Freude verliert, wird schnell die Erfahrung eines Strohfeuers machen. Das brennt kurz lichterloh und es gibt Menschen, die sich dann für erleuchtet halten. Aber schon Momente später ist es wieder erloschen und abgebrannt. Es ist leicht bei Menschen das Feuer kurzfristig zu entflammen. Man kommt in eine intensive Situation und ein Raum zur Unendlichkeit öffnet sich. Viele Menschen sind begeistert und machen eine öffnende Erfahrung der Liebe. Die ganze Welt ist nur noch Liebe. Doch dann, ganz plötzlich, ist alles verschwunden. Eben war noch alles Liebe und nun ist wieder die alte Betäubung, die Dumpfheit und die Angst vorhanden. Ist man nun noch immer bereit, in die Hingabe zu gehen? Oder wird man sich zurückziehen und warten, bis man das nächste Mal eine überschwängliche Erfahrung von Liebe hat, in der man glaubt, sich wieder hingeben zu können.

An diesem Punkt wird das innere Leben an seine vielleicht wichtigste Herausforderung hingeführt: an die Bereitschaft, das Feuer weiter zu nähren, auch wenn es nicht stark brennt. Die Ermutigung zur innere Treue und darin weiterzugehen, auch wenn man nichts sieht. Nachdem die erste Phase des Brennens vorbei ist, zeigt sich die Reife, inwiefern es einen wesentlich um Erkenntnis geht. Inwiefern es einen um Krishna geht oder um seine eigenen Erlebniswelten.
Ist man bereit, den Kräften klar zu begegnen, die Sand auf das Feuer streuen wollen, die sich dem Alten zuwenden wollen und die möchten, dass alles so bleibt, wie es immer war?
Es ist ganz natürlich, dass der Enthusiasmus nicht immer gleich ist. Es gibt Phasen, in denen es lichterloh brennt und in anderen zieht es sich bis in die Glut zurück.
Unabhängig davon fordert es in mir die kontinuierliche Hinwendung der Aufmerksamkeit auf die Seele, auf ihre Beziehung zu Krishna.
Der innere Weg ist nur schon deshalb nicht immer begeisternd, weil sonst meine Erfahrungssucht und den Drang nach äusserer Stimulation nur genährt würden. Die alten Tendenzen zur Bequemlichkeit, zu kurzfristigem Erfolg und Wohlergehen werden in dieser Phase erst überwunden.
Ist man bereit, weiterzugehen als die Erfahrungen schlichter Begeisterung?
Ausdauer, Geduld und Treue führen tiefer als die aufbrausende Euphorie.
Dann berührt man einen Strom ununterbrochener stillen Freude, der kontinuierlich erfahren wird und der nicht mehr abhängig ist von den Umständen im Aussen wie Augenblicke der Überschwenglichkeit oder Augenblicke der Schlichtheit und Nüchternheit.

Solange man diesen Zuständen noch Wert zuspricht, wird innere Tiefe verunmöglicht.
Die Seele ist nie verschmolzen mit all den erlebten Zuständen in der Welt der Gedanken und Emotionen und den Erlebnisse, die diese durchlaufen. Der innere Weg lehrt Abstand zu bewahren von der Welt der vorbeiziehenden Formen und Zustände.

Dann ist es wirklich gleichgültig, ob der Augenblick begeisternd oder schnöde ist, ob klein oder gross, ob einfach oder spektakulär, ob er viel Wirkung zeigt in der Welt oder bescheiden bei sich bleibt, ob er freudvoll oder schmerzvoll ist.
Bei Krishna ist die kleinste aufrichtige Zuwendung zu ihm niemals unvergessen.

14. Februar 2009

Bolo bolo

„Und wieder sitze ich im Bus. Es ist morgens um sieben Uhr dreissig, Linie 32. Es ist regnerisch und kalt, bald wird es wieder schneien. Die Nässe durchdringt Schuhe und Hosen.Wie gelähmt sitze ich da und sehe die gefassten, ruhigen Gesichter. Eine junge Frau unterdrückt ein Gähnen, verzieht ihre Mundwinkel. „Nordstrasse“, brummt der Chauffeur. Wieder überfällt mich dieses Gefühl der Fremdheit. Ungläubig starre ich durch das Fenster. „Wozu das Ganze?“ „Warum mache ich das noch mit?“ „Wie lange noch?“ Eine Maschine hat mich im Griff. Ekel staut sich inmeiner Brust. Es geht unaufhaltsam dem Arbeitsplatz entgegen. Der Aufschub ist kurz, die Zeit zerrinnt von Station zu Station. Gewaltsam wurde ich aus dem Schlaf entrissen, widerstandslos verschlingt mich die Alltagsmaschine.

Meine Haltestelle kommt, doch ich kann nicht aufstehen. Ich bleibe sitzen bis zur Endstation. Aber der Bus hält nicht mehr. Er fährt weiter: durch Österreich, Jugoslawien, die Türkei, Syrien, Persien…nach Indien. Unterwegs verwandelt sich der Bus: Er wird umgebaut, farbig bemalt, mit Betten versehen, repariert, dem wechselnden Klima angepasst. Die etwa zwanzig Passagiere werden zu einer engen Lebensgemeinschaft. Sie suchen unterwegs Jobs, um den Treibstoff, die Ersatzteile und die Lebensmittel kaufen zu können. Alle arbeiten werden geteilt. Sie erzählen sich ihre Geschichten. Das andere Gesicht des Alltags kommt bei allen zum Vorschein: Leistungsverweigerung, Sabotage, Indiskretionen, Krank-Feiern, solidarische Aktionen, Racheakte gegen Chefs, nächtliche Anschläge. Alle haben auf ihre Art irgendwann Widerstand geleistet und versucht, die Maschine aufzuhalten. Vergeblich. Fünf Jahre später kehrt der Bus zurück. Er ist von Auf- und Anbauten überkrustet, trägt Inschriften in unbekannten Alphabeten, hat bunte Vorhänge. Niemand erkennt ihn wieder, und die Rückkehrer sind Fremde geworden.

Haltestelle. Aussteigen. Der Traum ist zu Ende. Wochenenden, Ferien, Illusionen und Fluchtphantasien gehen immer wieder zu Ende, und wir sitzen wieder im Bus oder in der Strassenbahn, im Auto oder in der U-Bahn. Die Alltagsmaschine triumphiert über uns. Wir sind ein Teil von ihr. Sie zerstückelt unsere Energien in Zeitfragmente, kanalisiert unsere Energien, zermalmt unsere Wunschträume. Wir sind nur noch gefügige, pünktliche, disziplinierte Zahnrädchen in ihrem Getriebe. Und die Maschine selbst treibt dem Abgrund entgegen. Auf was haben wir uns da eingelassen?“

So beginnt das Kultbuch des Anarchismus, „Bolo bolo“, das einen Ansatz einer neuen Gesellschaft visioniert. Es ist doch wertvoller, auf eine Utopie zuzugehen, als in einer Illusion weiterzuleben.

Wer hat nicht schon einmal in sich das Gefühl in sich getragen, auszubrechen, das Neue zu wagen, auch wenn es verrückt scheint?
Es gibt natürlich viele Gründe, alles beim Alten zu belassen, aber die Würde zum innersten Selbst will sich nicht zufrieden geben mit dem Bequemen, mit dem Zustand, wie er halt immer schon war.

Gemäss dem Gesetz der Trägheit will alles so bleiben, wie es ist. Wir auch! Das Wagnis, aus sich herauszutreten, "uns" hinter uns zu lassen, und uns voller Vertrauen dem ganz Frischen und Neuen zu überantworten, letztlich Gott, damit er mit uns tue, wie es ihm gefällt - dies erscheint dem bedingten "Ich" geradezu unmöglich. Wir wehren uns gegen eine solche Zumutung (da eilt uns die Stimme der Angst zu "Hilfe") und tun alles, um ihr auszuweichen. Lieber gewöhnen wir uns daran, einen Splitter im Finger zu haben, als uns dem Schmerz der Operation zu stellen.

Es ist nicht, dass wir es nicht wagen, weil es schwierig sein könnte, sondern weil wir nicht wagen, ist es schwierig.

9. Februar 2009

Ringen um Worte

Rumi sagt, Worte seien nur Staub, den der Besen „Zunge“ hervorbringt auf der Grundlage der Erfahrung.
Alle Heiligen haben unter diesem Staub der Worte zu leiden gehabt. Sie können in Bildern umschreiben, hinweisen, aber nie tel quel benennen, was mit ihnen geschah und wie sie Gott wahrnehmen. In der Sprache der Menschen wohnt eine gewisse Hilflosigkeit, das Ewige allgemein verständlich auszudrücken.
Wie kann man sich über etwas, das nicht die uns umgebende objektive Realität darstellt, verständigen? Kann man einem Wesen ohne Geruchssinn den Duft einer Rose verständlich machen? Einem Nichtverliebten den Zustand des Verliebtseins vermitteln? Einem Nüchternen die Gott-Trunkenheit? Unsere Sprache erfährt da eine Hilflosigkeit. Wir können das, nachdem wir uns am meisten sehnen, nicht so einfach kommunikativ miteinander teilen.
Es geht um das Problem der unzureichenden Sprache, die Unausdrückbarkeit, die Unsagbarkeit wenn es um das Thema Gott geht.
Für einen Fundamentalisten ist es klar: „es steht doch genau so geschrieben und man muss es nur noch schlucken“. Unsere Welt ist allerdings Beweis genug dafür, dass unreflektierte, nicht durchdachte und aufgeschlüsselte Spiritualität viele aufrichtige Menschen in die Gottesferne getrieben hat.

Angelus Silesius (1624-1677) schreibt:
„Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.“
Die Sprache ist zu eng, zu verstaubt, zu nichts sagend, zu irreführend, um den mystischen Zustand auszudrücken.
Alle Worte sind besetzt mit einer innerweltlichen Erfahrung. Jedes Wort ist in uns mit einem Bild besetzt. Genau das macht die Worte, die das Heilige umschreiben, zum Götzen, zum selbst gemachten Bild.
Es braucht das Misstrauen gegenüber der Sprache. Sie ist eine Konvention, eine Abmachung innerhalb dieser Welt, der wir alle einfach zugestimmt haben, um die benennbare Welt zu benennen.
Peter Bichsel schreibt in einer Geschichte, wie jemand sich dieser Konvention entzog und eigene Benennungen machte. „Ich nenne ab heute einen Stuhl Bett, Tisch nenne ich Decke, Essen nenne Fahren, Käse nenne ich Kaulquappen, etc.
Er setzt sich auf das Bett an der Decke um Kaulquappen zu fahren.“ Die Sprache hat etwas Willkürliches… und eignet sich deshalb nicht für das Unveränderbare.

Raghunnatha das Goswami spricht im „Vilapa Kusumanjali“ von „mukha asvadan-vat“, dass er sich wie ein Stummer fühle, der etwas Wunderbares erlebt hat, aber nicht fähig ist, die gesamte Erfahrung zu vermitteln. Er erlebt seinen Austausch im ewigen spirituellen Körper mit Srimati Radhika in der ewigen Welt, kann aber nur Bruchstücke davon in diese Welt hineintransportieren und diese dann auch nur in Bengali, einer Sprache, in der die Menschen seines Umfeldes jedes einzelne Wort mit einem Bild ihrer eigenen Erfahrung besetzt hatten.
Eine franziskanische Mystikerin in Italien, Angela von Foligno (1248-1309), nennt ihre eigenen höchst präzisen Schilderungen dessen, was sie im Austausch mit Gott erlebt hat, Blasphemien.
Ein klassisches Zeugnis der abendländischen mystischen Tradition für die Limitiertheit der Sprache ist das Traktat „Wolke des Nichtwissens“. Ein unbekannter englischer Priester aus dem 14 Jahrhundert, vielleicht ein Kartäusermönch, hat diese Erfahrung niedergeschrieben.
„Wenn ich von Dunkel spreche, so meine ich ein Dunkel des bewussten Erkennens, das zwischen dir und einem Gott liegt.“ (4. Kapitel)
Kurz vor seinem Tod hatte Thomas von Aquin, dem grössten Denker und theologischem Konzeptdenker des Mittelalters, während einer Messe ein mystisches Erlebnis, das ihm die Sprache verschlug. „Mir ist solches geoffenbart worden, dass das, was ich mein Leben lang geschrieben und gelehrt habe, als belanglos erscheint.

Die Rede wird flach, geistlos, banal, wenn sie glaubt, alles zur Verfügung zu haben, alles genau erklären und umschreiben zu vermögen. Das kann vielleicht die technische Beschreibung, aber nicht die die Faszination der Liebe. An der Grenze und nicht im Inland, wächst die Sprache. Bei Gott sind alle Worte nur noch ein Stammeln, Hinweis, den derjenige versteht, der die gleiche Erfahrung geschenkt bekam oder zumindest in die gleiche Richtung schaut.
Das Thema Gottes ist das, was uns unbedingt angeht (Paul Tillich), es ist das mystische Apriori, der heilige Imperativ. Die Bemühung, Gott zu verstehen, ist durch die Erkenntnis der Limitation der Sprache nicht lahm gelegt oder verunmöglicht, sondern wird nur differenzierter.

Jede Aussage über Gott wirkt limitierend und würde ihn schmälern. Deshalb bediente sich die mystische Sprache der via negativa, der Negation von allem, um wenigstens darauf hinzuweisen, dass die Erfahrung Gottes von grundlegend anderer Wesensart ist. Für sie ist die Verneinung (griechisch apophaseis) wahr und die Bejahung (kataphaseis) unzureichend. Apophatische und kathaphatische Tradition – das Wahre und das Unzureichende, ergänzen sich in Wirklichkeit und bleiben aufeinander angewiesen. So gelangt man über die bisherige Besetzung des Wortes hinaus – zu dem hin, was das Wort letztlich ausdrücken möchte.
Um den Worten ihre Ladung zu entnehmen, die sie durch die eigenen Erfahrungen automatisch bekommen haben, braucht es das Zulassen der Ungewissheit. Das Vedanta Sutra spricht von avacaniyata, der Unfähigkeit der Worte, die Wahrheit zu erfassen. Das muss wirklich angenommen werden.



Zulassen der Ungewissheit

Im Alltagbewusstsein in der Umgangswelt denken wir, dass wir manchmal etwas missverstehen, dass wir aber doch das meiste erkennen und verstehen.
Sat-Sang, Gemeinschaft mit Heiligen, lässt uns das Gegenteil diagnostizieren: auch wenn man im spirituellen Leben meint, etwas verstanden zu haben, ist es mit grosser Wahrscheinlichkeit einfach ein erneutes Verkennen.
Diese Missdeutung und Verfälschung geschieht aufgrund des riesigen Schattens, den wir mit uns tragen, ein Schatten von vergangenen Eindrücken. Ohne dieses Handicap wäre jegliches spirituelles Bemühen eine Einfachheit.
Dieser dicke Filter unserer eigenen selbst verursachten Vergangenheit kreiert auch im Heiligsten wieder Dunkelheit.
Alles Verstehen, jede Verwirklichung wird dadurch verzerrt und es untersteht nicht einmal der eigenen Kontrolle, es nicht zu verzerren.
Aber was man tun kann, ist, dies einzugestehen, dieses Phänomen anzuerkennen, die Achtsamkeit vergrössern, wodurch der verzerrende Teil des Unterbewusstseins verkleinert wird.
Erst im Licht des Gewahrwerdens, in konstanter Aufmerksamkeit löst sich der Schatten der eigenen Eindrücke in jedem Wort allmählich auf, der ja genau aus der Unaufmerksamkeit besteht.
Erst in der vollkommenen Bewusstheit und Wachheit wird dann das Missverständnis ausgeschlossen. Der Erwachte erst versteht wirklich. Und bis dahin ist die Erkenntnisfähigkeit gefärbt und getrübt, das Wissen auch immer noch teilweise Täuschung. In der Annahme und der Akzeptanz dessen wird das Ego geringer, da es sich einzugestehen hat, dass all sein Verstehen sehr relativiert wird von einem gleichzeitigen Missverstehen. All das, auf das sich das Ego behaupten möchte, ist gar nicht so gesichert. Das Ego verliert seine Sicherheit, wenn es sich eingestehen muss, dass all seine Annahmen Eventualitäten sind. Es wird durchlässiger. Auf jeden Fall wird man einfacher und unschuldiger und in der Unschuld wird die Meditation erst möglich.

Wenn die Widerstände gegen die Ungewissheit meiner Wahrnehmung und meines Verstehens sich auflösen, wird man offener und sensibler für die Möglichkeiten, die sich ausserhalb meines gegenwärtigen Verständnisses befinden. Man wird weniger bestimmt, und festgesetzt, denn der Wissensstand ist noch nicht definitiv. Die arrogante Sicherheit löst sich auf, die gerade im Religiösen den eigenen Zugang zur Wirklichkeit blockiert.

Wenn jemand verliebt ist in eine andere Person, fällt es enorm schwer zu sagen: „Es besteht die Möglichkeit, dass ich dich liebe. Ich liebe dich vielleicht“ Aber es entspricht der Wahrheit, denn im momentanen Zustand kann nicht mehr gesagt werden. Denn wie oft dreht sich diese so genannte Zuneigung in ganz kurzer Zeit in Hass um.... Wieso der dünnen Spitze des Eisbergs unseres Oberflächenbewusstseins gerade ganz vertrauen? Im nächsten Moment kann die Entscheidung wieder ganz anders aussehen, da im riesigen Bereich des Schattens noch ganz andere Informationen verborgen liegen, die das Handeln dann gezwungenermassen prägen werden.

Ein grosser buddhistischer Heiliger, Mahavira, benützte auch als erleuchtete Seele das Wort “vielleicht” “wahrscheinlich” in jeder Antwort, die er den Fragenden gab, was natürlich jede Aussage relativierte.
Aus diesem Grund hatte er nicht viele Schüler, denn die bedingte Seele möchte Gewissheit, auch wenn es in ihrem Zustand gar nicht möglich ist. So lässt der Wunsch nach Sicherheit alles Gehörte zu einem Konzept versteifen, was die Erfahrbarkeit, die Verwirklichung des Verständnisses natürlich verunmöglicht.
Die Menschen sind schon in einer unsicheren Existenz, in einem ungewissen Leben. Und aus dem heraus will man ein klares und absolutes Glaubenssystem.
Deshalb spricht Krishna in der Bhagavad Gita davon, dass man für die Begegnung mit der ewigen Wahrheit (sanatan dharma) alle Hoffnung aufgeben und alle Schein-Sicherheiten hinter sich lassen muss (sarva dharman parityaja).

Mahavira vermittelte keine Konzepte (das ist ein wichtiger Ansatz im Buddhismus geblieben). Als ihn jemand nach Gott gefragt hat, antwortete er: „Vielleicht“. Aber wenn man ein Gott verehren möchte, der ein „Vielleicht“ ist, dann würde auch das Gebet zu ihm zu einem „Vielleicht“ werden und das gesamte Glaubenssystem, seine Religion wäre eine Idee der Relativität. Aber in den konfessionellen organisierten Religionen sind „vielleicht“ und „aber“ gebannt.

In aller Verwirrtheit und Konfusion des Alltags will der unernsthafte Gottsucher nun einfach Gewissheit und Sicherheit. Er will sich nicht der ewigen Suche nach Gott ausliefern, die ihn zunächst einmal noch in viel existentiellere Unklarheit hineinbringt, in der dann alle bisherigen akzeptierten Grundlagen auch noch zerfallen.

Und so mag der Ursprung des Glaubens noch so heilig und transzendental sein, aber er sucht ja nur ein kleinliches Festhalten, ein verbürgerlichtes Glaubenwollen, das ihm Sicherheit und Schutz, Gewissheit und Sorglosigkeit, letztlich eine Rechtfertigung für seine Anhaftungen im Leben vermittelt - ein gerettetes Leben als eine Bürgschaft für ein gutes Gefühl.
Er will nur ein Gott, der ihn, seine Familie und sein Weinkeller beschützt, und zu dem er beten kann, wenn er gerade nicht mehr weiter weiss und wenn es ihm gerade schlecht ergeht – und will sich nicht von ihm erschüttern und entwurzeln lassen.
Hätte er den Gott nicht, würde er sich einfach verloren und einsam fühlen. Und dafür soll Gott nun sein magisches Pflaster werden.
Echte Heilige geben nicht oberflächlichen Trost und illusionären Mut, sondern zerstören ihn. Sie vermitteln nicht Behaglichkeit und Wohlergehen, sondern eine radikale Kehrtwende, in der man sich selber verliert. Srila Sridhar Maharaja sprach immer wieder davon, „zu sterben, um zu leben“. Wir haben Angst davor.

Wenn wir dieser Angst nicht begegnen, wird die ganze Spiritualität ein Ausweichen vor der Wirklichkeit, ein Einnisten in einer erneuten Illusion – die nun aber noch viel schwieriger zu durchschauen ist, da man ihr einen heiligen Deckmantel umlegte.
Die echte Spiritualität setzt sich bereitwillig dem Vakuum der Ungewissheit aus, und darin wird man zu einem wahren Sucher.
Man ist bereit, selbst alle bisherige Erkenntnis in Frage zu stellen, sämtliche angewöhnte Denkvorgänge kollabieren zu lassen. Und es bereitwillig einstürzen lassen. Man will nicht Scheinsicherheit, sondern Wahrheit, und für die müssen alle Hoffnungen und Erwartungen und Ansprüche hinfällig werden.
Es braucht eine Bereitschaft für die Totalität, sonst wird man weiterhin einfach nur kleine Einsichten haben.
Dann ist man bereit für Offenbarung.

Offenbarung

Ludwig Wittgenstein sprach davon, dass die Sprache aus dieser Welt ist und es ihr dadurch verunmöglicht ist, Transzendenz zu beschreiben. Sie sei ein ganz anderes Werkzeug.
Seinen Einwand muss ernst genommen werden. Vom Standpunkt der Offenbarung hat aber alles in dieser Welt göttlichen Ursprung und somit auch göttlichen Sinn.
So existiert Sprache nicht nur dazu, um Informationen mitzuteilen, sondern vorrangig als Erwiderung für die Offenbarung (response-ability). Die Sprache hat göttlichen Ursprung und ist ursprünglich dazu gedacht, Gott zu verherrlichen (Srimad Bhagavatam 6.16.32). Aus diesem Grund spricht das Vedanta Sutra davon, dass eigentlich jedes einzelne Wort nicht praktisch gedacht ist, also nicht um Dinge in der Welt zu erwirken.
Jedes Wort ist Verehrung und bezeichnet Gott. Deshalb ist es heilig. Am Anfang war das Wort.
„Der Unvollkommene wäre nicht unvollkommen, wenn er nicht Hilfe von aussen bedürfte. Der Vollkommene wäre nicht vollkommen, wenn er nicht in der Lage wäre, sich selber mitzuteilen. Somit ist die Unterweisung, die zur Vollkommenheit oder der Absoluten Wahrheit führt, notwendigerweise eine Wirkung des Absoluten selber. Wir sind in unserer Wesensart gemäss ausgerüstet, die Gnade Gottes zu empfangen.“
Srila Sridhara Maharaja „Guru and his grace“ (Einleitung)

Heilige Texte gelten in allen spirituellen Traditionen als Offenbarung. Die Einwirkung Gottes darf aber nicht in die alte Gewohnheitsstruktur des Geistes integriert werden. Damit reduzierte sie sich auf leeres Konzeptwissen. Sie wird lebendig und aktiviert in der Reflektion im Innern, im Gebet und der Kontemplation und in der Gegenwart der Heiligen, die diese Hinweise in ihrer Lebensart verkörpern.
Die Verliebten verstehen den kleinsten Hinweis ihres Geliebten. So dringt heilige Offenbarung Gottes hindurch durch die Wirrnis der von unseren vergangenen Eindrücken besetzten Worten.
„Während dein Inneres vor Liebe zu brennen scheint, lässt er dich etwas von dem unaussprechlichen Geheimnis seiner göttlichen Existenz ahnen. („Wolke des Nichtwissens“ Kapitel 26)
Wenn sich das Unbegrenzte im Begrenzten offenbart, behält es die Eigenschaft der Unbegrenztheit bei.
prati sloka prati akshare nana artha kaya (Caitanya Caritamrta 24.318) «Jeder Vers und jede einzelne Silbe aus der Offenbarungsschrift hat unzählbar viele Bedeutungen ».

Fundamentalismus wäre da offensichtlich zu eingleisig. Die Offenbarung im Wort (die heilige Schrift) verlangt die Weitung des eigenen Verständnisses, um sensibel zu werden für das, was Krishna da einem wirklich offenbaren möchte.


Die Geschichte des barmherzigen Samariters aus Lukas 10 beleuchtet auf schöne Weise, dass die heilige Offenbarung aufgeschlüsselt werden muss und man nicht einfach denken kann, sie im Besitz zu haben.
Der Priester und der Levit, die an dem von Räubern schwer Verwundeten vorbeigehen, sind fromme, gottesfürchtige Leute. Sie „kennen“ Gott und sein Gesetz. Sie haben Gott, wie der Wissende das Gewusste besitzt. Sie wissen, was Gott von ihnen will im Sein und im Handeln. Sie wissen auch, wo Gott zu finden ist – in der Heiligen Schrift und im Kult des Tempels. Gott ist für sie vermittelt durch die vorgegebenen Institutionen. Sie haben ihren Gott – und er lässt sich nicht auf der Strasse zwischen Jerusalem und Jericho finden. Was ist falsch an dieser Gotteserkenntnis? Nicht die Rituale im Tempel und auch nicht die Heilige Schrift. Sondern die Erkenntnis Gottes, die keine Nicht-Erkenntnis zulässt. Sie sind festgefahren in einem bestimmten Verständnis. Das heilige muss sich immer weiter ausdehnen und in ihm gibt es nie Stagnation. Das ist die wesensgemässe Reaktion auf das Unbegrenzte.
Dann kann durch die Worte hindurch Wirklichkeit durch scheinen.